👨🏻‍🍼👊🏼 Wie männlich darf man(n) noch sein? 💪🏼🧜🏼‍♂️

In Zeiten, in denen Geschlechterrollen dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen, begegnet mir diese Frage fast jeden Tag.
stylish concentrated man looking in mirror in bathroom

Die Antwort auf diese Frage ist komplex und spiegelt die Vielfalt der Meinungen und Einstellungen wider, die in unserer modernen Welt existieren. In den sozialen Medien überwiegt die einseitige Betrachtung, die eher den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs widerspiegelt und die Welt in „schwarz/weiß“ bzw. „richtig/falsch“ einteilt.

Wem damit geholfen ist? Keine Ahnung. Den Männern, die zu mir in die Praxis kommen, fehlt es an klarer Orientierung, Frauen, die ihre Männer zu mir schicken, erzeugen eher Widerstände anstatt Offenheit und den Rechthaber*innen auf Social Media geht es meist eh nur um Likes und Zustimmung.

Vielleicht ist es mal an der Zeit, wieder einen Gang herunterzuschalten und sich die Frage zu stellen, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, was es dafür braucht und was jede*r Einzelne dazu beiträgt.

Hier mein Versuch, einen anderen Blick auf das Thema „Männlichkeit“ zu werfen und wie es anders gehen kann.

Was verbinden wir mit Männlichkeit?

Mit Männlichkeit werden oft bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen und gesellschaftliche Erwartungen in Verbindung gebracht. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Assoziationen von Kultur zu Kultur und im Laufe der Zeit variieren können. Hier sind einige typische Merkmale und Konzepte, die mit Männlichkeit in Verbindung gebracht werden:

  1. Durchsetzungsvermögen und Stärke: Historisch gesehen wurde Männlichkeit oft mit körperlicher und emotionaler Stärke in Verbindung gebracht. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, galt als typisch männlich.

  2. Unabhängigkeit: Traditionell wurde von Männern erwartet, unabhängig zu sein, sowohl finanziell als auch emotional. Die Rolle des Ernährers und Beschützers war ein häufiges Bild von Männlichkeit.

  3. Emotionale Zurückhaltung: Historisch betrachtet wurde von Männern oft erwartet, ihre Emotionen zu kontrollieren und nicht zu viel Gefühle zu zeigen. Dies führte zu dem Stereotyp des „starken, schweigsamen Mannes“.

  4. Dominanz und Selbstbewusstsein: Männlichkeit wurde oft mit Dominanz und Selbstbewusstsein assoziiert. Die Fähigkeit, Kontrolle zu übernehmen und selbstbewusst aufzutreten, galt als typisch männlich.

  5. Berufliche Erfolge: Die Verbindung von Männlichkeit mit beruflichem Erfolg und dem Streben nach Karrierezielen war in vielen Kulturen präsent. Die Rolle des „Ernährers“ wurde stark mit männlicher Identität verknüpft.

  6. Geringe Zeigefreudigkeit von Gefühlen: Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit betonen oft eine gewisse Zurückhaltung bei der Äußerung von Emotionen. Das Zeigen von Verletzlichkeit oder das Zugeben von Schwäche galt mancherorts als untypisch für Männer.

Wann ist unser Verhalten toxisch?

Wir leben in einer Welt, in der wir sehr schnell sind, im be- und verurteilen von Menschen und Verhaltensweisen. Doch schon Paracelsus wusste, dass alle Dinge Gift sind und allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. 

In die Therapie kommen häufig Menschen, die kein Gefühl mehr dafür haben, welches Verhalten angemessen ist. Sie leiden unter unterdrücktem und impulsivem Verhalten, entweder dem eigenen oder dem anderer. Dabei wird deutlich, dass es zunehmend  Tendenzen zu extremen Verhalten gibt.

Das kann auf Dauer jede Beziehung vergiften!

Toxische Männlichkeit

Toxische Männlichkeit bezieht sich auf bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen, die im Zusammenhang mit traditionellen, oft schädlichen Vorstellungen von Männlichkeit stehen. Hier sind einige Anzeichen:

Toxische Männlichkeit kann dazu führen, dass Männer ihre Emotionen unterdrücken oder verbergen, weil sie glauben, dass das Zeigen von Verletzlichkeit oder Schwäche unvereinbar mit ihrer Männlichkeit ist. Dies kann zu emotionalen Problemen und Schwierigkeiten bei der zwischenmenschlichen Kommunikation führen.

Toxische Männlichkeit betont oft Dominanz und Aggressivität als Zeichen von Stärke. Dies kann zu aggressivem Verhalten, Kontrollsucht und einem Mangel an Empathie führen, was negative Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen hat.

Toxische Männlichkeit manifestiert sich häufig in sexistischen Überzeugungen und einem übermäßigen Streben nach Macht und Kontrolle über Frauen. Der Glaube an die Überlegenheit von Männern und die Herabsetzung von Frauen können zu ungesunden Beziehungen und Geschlechterungleichheit führen.

Toxische Männlichkeit kann auch mit Homophobie einhergehen, wobei Männer, die von traditionellen Männlichkeitsnormen abweichen, diskriminiert oder ausgegrenzt werden.

Männer, die sich nicht an traditionelle Männlichkeitsnormen halten, können unter Druck gesetzt werden, sich anzupassen. Toxische Männlichkeit schränkt die individuelle Entfaltung ein und fördert Konformität.

Toxische Männlichkeit kann zu einer unflexiblen Sichtweise auf Geschlechterrollen führen, die Veränderungen und Vielfalt ablehnt. Dies kann die persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden beeinträchtigen.

Toxische Weiblichkeit

Eher ungewöhnlich, weil kaum angesprochen, gibt es natürlich auch auf der anderen Seite ein „zu viel des Guten“ und damit verbunden negative Auswirkungen auf Fragen, Männer und die Gesellschaft:

Toxische Weiblichkeit kann sich durch die internalisierte Unterdrückung von Frauen manifestieren, bei der Frauen sich selbst aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen herabsetzen oder bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit und Fähigkeiten zurückhalten.

Toxische Weiblichkeit kann zu einem problematischen Konkurrenzverhalten unter Frauen führen. Statt Solidarität kann es zu gegenseitiger Abwertung und Missgunst kommen, insbesondere in Bezug auf Äußerlichkeiten oder beruflichen Erfolg.

Toxische Weiblichkeit kann sich in passiv-aggressivem Verhalten äußern, bei dem Konflikte nicht direkt angesprochen werden, sondern durch subtile Andeutungen, Gerede hinter dem Rücken oder manipulatives Verhalten ausgetragen werden.

Ein toxisches Weiblichkeitsmuster kann Frauen dazu drängen, eine Rolle als Opfer anzunehmen und Abhängigkeit zu kultivieren. Das kann ihre Selbstständigkeit und Autonomie beeinträchtigen.

Toxische Weiblichkeit kann dazu führen, dass Frauen unrealistische Erwartungen an sich selbst haben, insbesondere im Hinblick auf äußere Erscheinung, Karriere und familiäre Verpflichtungen. Der Druck, perfekt zu sein, kann zu Stress und mentalen Gesundheitsproblemen führen.

Toxische Weiblichkeit kann sich auch in Form von emotionaler oder verbaler Misshandlung gegenüber anderen äußern. Dieses Verhalten kann dazu beitragen, ein ungesundes Umfeld in zwischenmenschlichen Beziehungen zu schaffen.

Und jetzt?

In meiner Kindheit wurde mir klar, dass das Schweigen über Gefühle in meiner Familie nicht nur eine Gewohnheit, sondern eine regelrechte Barriere war. Die unterdrückten Emotionen manifestierten sich auf vielfältige Weise, nicht nur in den impulsiven Ausbrüchen einzelner Familienmitglieder, sondern auch in den tief verwurzelten gesundheitlichen Problemen, die in unserer Familie grassierten.

Die psychologische Erkenntnis, dass unterdrückte Emotionen sowohl physische als auch psychische Leiden auslösen oder verstärken können, wurde in meiner Familie auf schmerzhafte Weise bestätigt. Bluthochdruck, Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Beschwerden schlichen sich in unsere Genetik ein, getragen von einem ungesunden Umgang mit Emotionen.

Als Kind übernahm ich die Lektion, dass Wut gefährlich ist, und entwickelte eine tief verwurzelte Angst davor, meine eigenen Gefühle zu zeigen. Diese Angst wurde zum Nährboden für eine jahrzehntelange Depression. Der Weg zur Heilung erforderte, dass ich meine Emotionen nicht nur erkenne, sondern auch akzeptiere und lerne, sie konstruktiv zu nutzen. Es bedeutete, meine Wut nicht zu fürchten, sondern sie als Werkzeug zu begreifen, um Grenzen zu setzen, loszulassen oder Dinge zu ertragen, die ich noch nicht verstehen konnte.

Diese Reise hat mich zu einem Mann geformt, der fähig ist, klare Grenzen zu setzen und zu diesen zu stehen. Gleichzeitig bin ich offen für Vielfalt und die verschiedenen Lebenskonzepte anderer Menschen, ohne sie zu beurteilen. Die Freiheit, für mich selbst zu entscheiden, welche Elemente ich in mein Leben integrieren möchte und welche nicht, hat einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, dass mein Leben entspannter und erfüllender ist.

Zusammenfassung

Welches Verhalten in welcher Situation angemessen ist, was für ein Mensch man selbst sein will und wie man es schafft, in einer stressigen Welt Haltung zu bewahren, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung unserer Zeit. 

Um diese zu meistern, brauchen wir Fähigkeiten, die wir dem männlichen und weiblichen Spektrum zuordnen würden. Wenn wir es schaffen, aus der Bewertung und Verurteilung auszusteigen, dann kann uns das auch gelingen. 

Alles andere, also ob Männer oder Frauen jetzt die besseren Menschen sind, ist aus meiner Sicht reine Zeitverschwendung und führt zu unnötigen Problemen, die uns davon abhalten, echte Lösungen zu finden.

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