Ein Wegweiser mit zwei Schildern, von denen eines abgenommen wurde — Sinnbild für eine Richtung, die klar ist, bevor das Ziel es ist.

Liebgewonnenes Loslassen oder warum Sinnvolles nicht unbedingt stimmig ist

Die schweren Entscheidungen sind nicht die gegen das Falsche. Es sind die gegen etwas Gutes, das einen gleichzeitig aufhält. Über zwei Trennungen in einem Jahr, ein Muster, das sicher macht, und die…

Zwei Trennungen, ein Muster — und die Frage, ob man loslassen kann, ohne das Neue zu kennen

Irgendwann in diesem Jahr wurde ich gefragt, ob ich jetzt strategischer Berater sei oder Trainer in Seminaren. Ich hatte auf beides eine Antwort. Das war das Problem.

Ich habe in diesem Jahr zwei Dinge beendet, die ich sehr gerne gemacht habe. Im April meine Praxis für Psychotherapie. Und jetzt spannungsRAUM, die Marke, die ich selbst aufgebaut hatte. Beides waren Themen, die ich mit Leidenschaft verfolgt habe — und das war auch gut so. Ohne diese Leidenschaft hätte ich die Energie nicht gehabt, mit den Widrigkeiten umzugehen, die dazugehörten.

Genau das macht solche Entscheidungen schwer. Nicht der Zweifel, ob die Sache etwas wert war. Sondern die Sicherheit, dass sie es war.

Die leichten Entscheidungen

Früher war es oft einfacher, sich gegen etwas zu entscheiden. Es hat nicht gepasst. Der Markt war nicht da. Den Preiskampf konnte man nicht mithalten. Solche Entscheidungen sind unangenehm, aber sie sind schlicht: Die Wirklichkeit entscheidet, und man vollzieht.

Es gibt aber Themen, die durchaus taugen. Die wichtig sind, lohnenswert, sinnvoll. Bei denen keine Zahl und kein Markt einem die Entscheidung abnimmt. Hier hilft der übliche Prüfmaßstab nicht mehr weiter.

Die Frage, die nicht reicht

Der Psychologe Jens Corssen stellt gern die Frage: Schmückt es mich? Eine gute Frage — sie holt einen aus der Pflichtlogik heraus und fragt, ob etwas zu dem passt, was man sein will.

Nur war die Antwort in meinem Fall zweimal Ja. Die Praxis schmückte. Die Marke schmückte. Beides ergab Sinn, beides war anerkannt, beides hätte ich verteidigen können, ohne zu lügen. Eine Frage, deren Antwort Ja ist, trägt keine Entscheidung.

Die Frage, die die Antwort ändert

Was die Antwort ändert, ist eine zweite Frage, und sie ist unbequemer: Wo will ich hin — und ist das dafür hilfreich?

Erst an dieser Stelle wird spürbar, wie sehr man an etwas hängt, das einen gleichzeitig davon abhält, dorthin zu kommen, wo man hin möchte. Nicht weil es schlecht wäre. Sondern weil es Zeit, Aufmerksamkeit und Erklärungsbedarf bindet, die für die Richtung gebraucht werden.

Sinnvoll ist nicht dasselbe wie stimmig. Sinnvoll heißt: Es lohnt sich, dass es das gibt. Stimmig heißt: Es gehört zu dem, was ich werde. Beides fällt oft zusammen. Und wenn es auseinanderfällt, ist das schwerer zu bemerken, als wenn etwas einfach nicht funktioniert.

Warum Machen sicher macht

Ich habe kein abgeschlossenes Studium. Mir kamen an den entscheidenden Stellen Dinge dazwischen. Gleichzeitig haben mich immer Themen interessiert, die man auch hätte studieren können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich hineinzuarbeiten, andere Wege zu finden und zu zeigen, dass ich es kann. Ich hatte ja keinen anderen Beleg.

Später habe ich an Hochschulen gelehrt — genau die Dinge, die ich mir selbst angeeignet und in der Praxis ausprobiert hatte. Der Beleg war am Ende die Arbeit, nicht der Abschluss.

Dieses Muster hat mich dazu gebracht, Dinge zu tun. Es hat mich sicher gemacht, und es hat mich etwas gelehrt, das ich sonst nicht gelernt hätte: wie man Dinge tatsächlich voranbringt. Es hat aber auch einen Preis, und der heißt Loslassen. Vor zwanzig Jahren habe ich Software-Projekte gemacht. Das waren meine Babies. Ich war so mit ihnen verbunden, dass ich mich damit schwertat, sie abzugeben.

Heute begleite ich Führungskräfte, und viele von ihnen haben genau dieses Muster. Sie waren früher selbst Expert:innen, und sie sind hervorragend im Machen. Mit ihnen arbeite ich daran, sich von der inhaltlichen Arbeit zu lösen, sich auf das Führen zu konzentrieren und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass andere gute Arbeit leisten können.

Das ist oft nicht einfach. Ich weiß ziemlich genau, warum.

Loslassen, ohne das Neue zu kennen

Als ich im April die Praxis geschlossen habe, wusste ich nur eines: Es hilft mir, fokussierter zu arbeiten. Von heute auf morgen fehlte Umsatz, und ich wusste weder wie noch wann ich das auffangen würde. Aber ich spürte, dass die Richtung stimmt.

Und dann habe ich trotzdem nach einem Ersatz gegriffen. Ich habe versucht, die Lücke mit meiner Marke zu schließen, Kurse vorangebracht, Formate geschärft — bis mir auffiel, wie verbissen ich darum kämpfte, dass es klappt. Das Verbissene war das Signal. Nicht der Umsatz, nicht der Markt. Die Art, wie ich daran zog.

Die erste Trennung war richtig, und ich habe sofort danach das Nächste festgehalten. Erst die zweite hat die Lehre gezogen. Wer das ordentlicher erzählt, erzählt es falsch.

Rückblickend war das keine Marktentscheidung und kein Fehler im Plan. Da war eine Führungskraft, die ihre eigene Unsicherheit nicht ausgehalten hat — und deshalb nach einer Antwort griff, statt die Lücke offen zu lassen. Genau diese Bewegung sehe ich in Organisationen. Ich habe sie an mir selbst gelernt.

Was mir dabei geholfen hat, war nicht Resignation und auch kein frustriertes Hinschmeißen. Es war die Einsicht, dass es bessere Wege gibt — für mich, und im besten Fall auch für die Sache selbst, weil sie in andere Hände übergeht. Was man abgibt, muss man nicht beenden.

Was das für Transformation heißt

Man kann loslassen, ohne das Neue schon zu kennen. Man braucht eine Richtung, keinen Plan B. Eine Richtung ist kein Zielbild — sie ist ein Kriterium, mit dem man entscheiden kann, wenn das Ziel noch offen ist.

Die meisten Transformationen versuchen das Gegenteil. Sie wollen den Menschen erst das Neue geben oder es ihnen wenigstens beschreiben können, damit das Alte leichter fällt. Das ist eine Falle, und sie schnappt an zwei Stellen zu.

Die erste: Man setzt sich selbst unter Druck, ständig Antworten zu haben — nur um keine Unsicherheit aushalten zu müssen. Was als Fürsorge auftritt, ist häufig Selbstschutz.

Die zweite ist die teurere. Eine Organisation lernt den Umgang mit Unsicherheit nur dort, wo Unsicherheit vorkommen darf. Wer sie jedes Mal zudeckt, bevor sie jemanden erreicht, nimmt ihr die Gelegenheit zu üben. Und wundert sich anschließend, dass sie beim nächsten Umbruch genauso schlecht damit umgeht wie beim letzten.

Was stattdessen trägt, ist unspektakulär: sagen, wohin es geht, und sagen, was man noch nicht weiß. Das zweite ist der Teil, der weggelassen wird. Es ist aber der Teil, der die Aussage glaubwürdig macht — und der Menschen erlaubt, sich selbst zu sortieren, statt auf eine Antwort zu warten, die noch keiner hat.

Schluss

Beide Entscheidungen waren gegen etwas Gutes. Das ist der Grund, warum sie schwer waren. Es ist kein Grund, sie nicht zu treffen.

Wer wartet, bis das Neue da ist, lässt nie los. Er tauscht nur.


Weiterführend:

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